Hintergrundwissen

 

Geschichte

Frühzeit

Der Beginn der tiergestützten Arbeit kann nicht genau datiert werden. Die ersten Zeugnisse der positiven Wirkung von Mensch-Tier-Beziehungen stammen aus Gheel in Belgien, wo bereits im 9. Jahrhundert Tiere eingesetzt wurden, um das Wohlbefinden von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen zu fördern. Dort setzte man eine „therapie naturelle“ ein, die vor allem sozioökonomisch benachteiligten Menschen eine bessere Lebensbasis und – zufriedenheit geben sollte. Dazu zählten die Landarbeit und die Versorgung von Tieren (Bustad, 1995). Um den Einsatz von Tieren in dieser Frühphase verstehen zu können, muss man sich vor Augen halten, dass psychisch kranke oder körperlich behinderte Menschen im Mittelalter in Verließe oder Gefängnisse gesperrt oder als Aussätzige behandelt wurden.

Ähnliche Erfahrungen wiederholten sich im 18. und 19. Jahrhundert in angelsächsischen und deutschen Krankenhäusern Literatur unterschiedlich dargestellt. Ein Beispiel ist die Psychiatrie York Retreat, die 1792 von der Society of Friends einer englischen Quäker Gruppe mit ihrem Leiter William Tuke gegründet wurde (Serpell, 1990). Es sollte ein Ort geschaffen werden, in dem psychisch kranke Menschen respektiert und wertgeschätzt werden.Den Bewohnern wurde ein möglichst selbstständiges Leben ermöglicht und sie bekamen die Möglichkeit, sich um Gartenanlagen und Tiere zu kümmern. Durch das Leben in der Natur mit den Tieren sollten ihre Selbstheilungskräfte gestärkt werden.

 

19. Jahrhundert

Um 1860 setzte auch Florence Nightingale Tiere ein, als „exzellente Gefährten“ „und manchmal die einzige Freude“. Ein weiteres Beispiel für die Integration von Tieren in den Heilungsprozess ist die 1867 gegründete Heil- und Pflegeanstalt für Menschen mit Epilepsie in Bethel bei Bielefeld. Die Heilanstalt wurde auf einem Hofgut errichtet, sodass die Menschen mit Epilepsie im Umgang mit den Tieren von ihrer Erkrankung abgelenkt wurden und dadurch Heilung erfahren sollten.

 

20. Jahrhundert

1947 gründete die Familie Ross auf einer Farm in der Nähe von New York „Green Chimneys”, ein Internat für verhaltensgestörte, behinderte und missbrauchte Kinder, die im Umgang mit Tieren und deren Pflege emotionale Gesundheit, Wohlbefinden und Selbstständigkeit erlangen sollen. Diese Institution hat sich bis heute als erfolgreiches Langzeitprojekt bewährt. Anfangs wurden Tiere also eher unbewusst eingesetzt und man begnügte sich mit Alltagsbeobachtung, dass die Anwesenheit von Tieren kranken Menschen Ablenkung und Freude brachte. Dabei standen nicht konkrete therapeutische Zielsetzungen im Vordergrund, sondern die allgemeinen Wirkungen, die auch ein Haustier besitzt. Durch die Tiere wurde den Patienten das Gefühl vermittelt, trotz ihrer Beeinträchtigungen und Benachteiligungen eine Aufgabe zu haben und gebraucht zu werden.

1942 wurde in New York das Army Air Force Convalescent Hospital gegründet, das aus dem Krieg heimgekehrten traumatisierten Soldaten Möglichkeiten für die Aufarbeitung ihrer Kriegserlebnisse bot. Das Zusammenleben mit den Tieren und deren Versorgung war ebenso Teil der Therapie wie wissenschaftlich anerkannte Therapieformen.

Man kann festhalten, dass alle diese Ansätze aus heutiger Sicht keine tiergestützte Therapie im engeren Sinne darstellen, sondern der Umgang mit Haus- bzw. Nutztieren wurde genutzt, um Menschen zu beschäftigen, zu beruhigen und so das allgemeine Wohlbefinden zu erhöhen. Heute würde man eher von „Farmtherapie“ oder „Green Therapy“ sprechen.

Der Beginn der modernen tiergestützten Therapie kann auf das Jahr 1962 datiert werden. Damals erschien das Buch „The dog as a Co-Therapist“ („Der Hund als Co-Therapeut“). Autor war der amerikanische Kinderpsychotherapeut Boris Levinson, der zufällig während einer Therapiestunde die Wirkung seines Hundes "Jingles" entdeckte, der zwischen ihm und einem Kind vermittelte und Levinson so erstmals Zugang zu diesem Kind verschaffte. Levison htte in seiner Praxis oft mit Kindern zu tun, die Störungen in ihrem Gruppenverhalten zeigten. Er bemerkte, dass Kinder viel besser ansprechbar sind, wenn sein Golden Retriever zugegen war.

Nach dieser Erfahrung setzte Levinson nun auch bei seinen anderen Patienten Jingles als „Eisbrecher“ ein und erreichte so, dass sich die Kinder ihm mehr als je zuvor öffneten, ihre Reserviertheit und Feindseligkeit ihm gegenüber aufgaben. Doch Levinson wies auch darauf hin, dass Tiere nicht nur auf psychisch labile Kinder, sondern auch auf eine gesunde emotionale Entwicklung im Kindesalter positive Auswirkungen haben können.Boris Levinson wählte dann 1969 den Terminus „Heimtiertherapie“ („pet therapy“), um den Einsatz von Tieren bei der Behandlung von psychischen Störungen bei Kindern zu beschreiben. Von vielen seiner Fachkollegen wurde Levinson zunächst belächelt oder sogar heftig verspottet.

Ende der 70er Jahre gründeten Mediziner, Psychologen, Gerontologen, Psychotherapeuten und Ver-haltensforscher aus den USA und England eine Organisation, - die „Human Animal Companion Bond“ – welche die Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung zur Aufgabe hat. Aus diesen Anfängen bildete sich im Laufe der Jahrzehnte eine große Anzahl von Institutionen, die sich mit der Mensch-Tier-Beziehung befassen:

In Deutschland wurde 1987 der Verein "Tiere helfen Menschen e.V." gegründet. Initiatorin war die Tierärztin Dr. Brigitte von Rechenberg. Sie brachte die Idee aus den Vereinigten Staaten von Amerika mit. Nachfolgend entstanden vielfältige Organisationen, Vereine und Initiativen, die sich mit tiergestützter Therapie im weitesten Sinne beschäftigten.


 

Heute?

Man kann also festhalten, dass das Feld der tiergestützten Interventionen aus der Praxis entstanden und durch sie wesentlich geprägt ist (Fine 2010; Greiffenhagen& Buck-Werner 2007; Olbrich& Otterstedt 2003). Der bisherige Entwicklungsverlauf zeigt den typischen Verlauf einer sogenannten ‚Graswurzelbewegung‘. Dies hat dazu geführt, dass das Feld der tiergestützten Interventionen zumindest in Deutschland durch eine ausgeprägte Heterogenität der Angebote, der Strukturen und der Akteure gekennzeichnet ist.

Trotz aller Erfolge muss abschließend festgehalten werden, "insgesamt dominieren im deutschen Sprachraum gegenwärtig noch immer die individuellen Handlungsansätze, mit der Konsequenz mangelnder Informationsweitergabe, mangelnden fachlichen Austausch, mangelnder Bündelung von Ressourcen und Potentialen, in der Folge auch einer entsprechend geringen politischen Durchsetzungskraft. Erst in jüngerer Zeit gibt es gemeinsame Symposien, die den fachlichen Austausch in Gang setzen wollen” (Beetz, 2000; S.9). 

 

 

 

Quelle:

Greiffenhagen, S. (1991):
Tiere als Therapie. Neue Wege in Erziehung und Heilung. München.

Olbrich, E./Otterstedt, C. (2003):
Menschen brauchen Tiere. Grundlagen und Praxis der tiergestützten Pädagogik und Therapie. Stuttgart.

Vernooij, M./Schneider, S. (2008):
Handbuch der Tiergestützten Interventionen. Grundlagen, Konzepte, Handlungsfelder. Wiebelheim

Inhaltlich Verantwortlicher gemäß §10 Absatz 3 MDStV: Rainer Wohlfarth

Top

Baali Alpakas  | info@baali-alpakas.de / 0341-69709896